Donnerstag, 1. Dezember 2016

Das Weihnachtstheater



Danke für die li8eben Kommentare zur letzten Geschichte. Hier kommt schon wieder eine, vorgeplant, da ich momentan gar nicht zu Hause vin. Hoffentlich klappt alles.

Die Reizwörter lauten:
Zimtstern, Engelhaar, tauschen, frieren, funkelnd

Das Weihnachtstheater


„Wer hat sich denn nur diesen Blödsinn ausgedacht?“, schimpft Mama, als ich ihr erzähle, dass im diesjährigen Weihnachtsspiel fast alle Darsteller Weihnachtsgebäck sind. Ich soll die Rolle eines Zimtsternes übernehmen.
„Na, das war der, der das Theaterstück geschrieben hat“, versuche ich Mama zu erklären. Aber das macht es nicht besser. Mama ist verärgert. So gern hätte sie mich wieder in ein Engelkostüm gesteckt und meine Haare in Engelshaar verwandelt. Mama liebt Engel und sie näht doch so gern.
„Ein Lebkuchenmann, das wäre ja noch möglich oder ein Spekulatius, aber ein Zimtstern. Wie soll man den verkleiden?“, fragt sie und rauf sich die Haare.
„Ganz einfach, hellbraun und weiß!“, schlage ich vor, weiß aber selbst nicht so genau, wie man das umsetzen soll, dass es auch der Zuschauer erkennt. Dabei liebe ich Zimtsterne sehr, ich habe mich über die Rolle sogar gefreut, denn der Zimtstern hat viel Text auswendig zu lernen und das macht mir Spaß.
„Kannst du nicht mit jemandem tauschen?“, fragt Mama hoffnungsvoll.
„Nein, das kann ich nicht – und das will ich auch nicht!“ Jetzt bin ich auch ärgerlich. „Ich frage Oma, die hat immer gute Ideen!“
Mama ist beleidigt. „Dann geh doch zu Oma und viel Erfolg euch beiden, ich bin dann raus!“, wettert sie.
Ich ziehe meine dicke Jacke an, denn es ist lausig kalt an diesem Tag. Dann mache ich mich auf den Weg zu meinen Großeltern, die nur ein paar Häuser weiter wohnen. Unterwegs denke ich fieberhaft nach, wie ich das mit Mama wieder in Ordnung bringen kann. Ich will doch keinen Streit, schon gar nicht in der Adventszeit. Ach, ist das blöd!
„Komm schnell rein, du frierst ja!“, sagt Oma, als sie mir die Tür öffnet. Sie hat immer Angst, dass ich mich erkälte. Opa sitzt in der Küche, er studiert die Sonderangebote. Das ist sein Hobby, er liebt Prospekte und weiß immer genau darüber Bescheid, was wo wie teuer ist.
„Zimtsterne sind im Angebot!“, sagt er dann auch schon, bevor er mich begrüßt. „Grüß dich, Mini!“
„Hallo Opa, ich heiße Djamila und nicht Mini und Zimtsterne sind genau mein Thema!“, verkünde ich und lasse mich auf die Eckbank fallen. „Puh, sie verfolgen mich, diese Zimtsterne!“
Erstaunt blickt Opa von seinem Prospekt auf. „Das klingt aber nicht so gut! Was ist denn los?“
Ich erzähle Oma und Opa von dem Theaterstück, in dem die kleine Hanna sich so sehr danach sehnt, einmal in ihrem Leben auch Weihnachtsgebäck essen zu dürfen. Sie ist nämlich zuckerkrank und darf das nicht. Das Weihnachtsgebäck denkt sich etwas aus, um der Kleinen doch eine Freude zu machen, ohne, dass sie es essen muss. Sie studieren einen Tanz ein und erscheinen in der Nacht zum Heiligen Abend in ihrem Zimmer, um den Tanz ganz allein für sie aufzuführen. Alle sind dabei, Stutenkerle, Lebkuchenmänner, Spekulatiusplätzchen, Printen, der Christstollen … und ich, der Zimtstern.
„Oha!“, sagt Oma. „Eine schöne Idee, aber nicht so leicht umzusetzen!“
„Eben!“, stimme ich ihr zu und erzähle auch gleich, dass Mama eingeschnappt ist, weil ich Omas Rat einholen will. „Das ist blöd, weiß ich ja. Aber sie hatte gar keine Idee und ich auch nicht. Oma, du bist meine letzte Rettung!“
„Printen finde ich viel schwerer“, sagt Oma da auch schon und man kann ihr ansehen, dass es in ihrem Kopf bereits rattert. „Zimtstern, Zimtstern“, murmelt sie vor sich hin. Opa und ich schweigen erstmal, wir wollen sie nicht beim Denken stören. Dann hat sie’s wohl, man sieht es an ihrem funkelnden Blick. Sie verrät aber nichts, zieht nun ihrerseits eine dicke Jacke an und macht sich auf den Weg zu Mama. „Wir müssen was besprechen!“, ruft sie noch. Opa grinst, ich grinse und dann vertilgen wir gemeinsam die Zimtsterne, die in einem Schälchen auf dem Tisch stehen.
Opa schlägt vor, dass wir eine Runde Mau Mau spielen könnten und da bin ich doch gern dabei. Mit Opa Karten zu spielen, das ist eine wahre Freude, er verliert nämlich meist und wenn er sich darüber ärgert, dann ist er immer so niedlich. Hach, ich liebe meinen Opa.
Als Oma nach einer Stunde noch immer nicht zurück ist, beschließen Opa und ich mal nach dem Rechten zu schauen. Die beiden Frauen sitzen mit hochroten Köpfen in der Küche. Vor ihnen liegt ein Zeichenblock, auf dem sie verschiedene Notizen gemacht haben. So richtig erkennen kann ich noch nichts, aber Mama erklärt: Ich nähe ein braunes Unterkleid, darüber kommt aus weißem, fast durchsichtigen Stoff das Oberkleid, das ist der Zuckerguss. Oma bastelt braune Sterne mit weißem Guss drauf, die werden überall am Kleid befestigt und auf dem Kopf wird ein großer Stern thronen. Dann bist du ein Zimtstern, Mini!“
Ich sehe ihr ausnahmsweise das „Mini“ mal nach, weil ich doch so froh bin, dass sie gar nicht mehr ärgerlich klingt und das Kostüm kann ich mir nun gut vorstellen.
„Wir können ja die Haare trotzdem ein wenig beglitzern, dann bin ich eben ein englischer Zimtstern!“, schlage ich noch vor und habe die Lacher auf meiner Seite. Ich werde ein toller Zimtstern sein, ganz bestimmt.

© Regina Meier zu Verl

Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:


Mittwoch, 23. November 2016

Hörbuch: Hanna malt ihre Gedanken

Vielleicht mögt Ihr ja mal reinhören:

Hanna malt ihre Gedanken  einfach anklicken

Die geschriebene Geschichte findet man in der November-Ausgabe des CARL für Gütersloh


(Ich frage mich gerade, wo denn die Liste der Blogs ist, die ich verfolge - wieder mal eine Änderung bei Blogger, die völlig sinnfrei ist)

Dienstag, 15. November 2016

Oma, die Schlittschuhe und die Liebe

Die Reizwörter in dieser Woche lauten:

Schlittschuhe - Schlaftabletten - ratzen - fallen – einfältig

Bitte besucht auch meine Kolleginnen:

Oma, die Schlittschuhe und die Liebe

„Wir hatten ja damals gar nichts!“, sagte Oma im Brustton der Überzeugung, als Pia ihr erzählte, dass sie sich zu Weihnachten Schlittschuhe wünschte.

„Das ist unnützes Gedöns, braucht kein Mensch!“, fügte Oma noch hinzu und schüttelte ärgerlich den Kopf. Pia konnte gar nicht verstehen, was Oma so ärgerlich machte. Sie wollte doch einfach nur ein Paar Schlittschuhe haben, das war nicht einmal ein außergewöhnlicher Wunsch. Alle in der Klasse hatten welche und die Eisbahn hatte schon längst wieder geöffnet. Pia wollte doch auch so gern eigene Schlittschuhe haben und nicht immer welche ausleihen müssen.

„Mutter, das stimmt ja gar nicht!“, behauptete Mama jetzt. Pia horchte auf. Eigentlich log Oma ja nicht, aber in letzter Zeit vergaß sie viel, das wusste Pia.

„Du hast mir selbst erzählt, dass ihr, als du ein junges Mädchen warst, immer zum Ententeich gegangen seid, wenn der zugefroren war!“, sagte Mama.

Oma schwieg. Sie dachte nach. „So, habe ich das erzählt?“, fragte sie vorsichtig nach.

„Ja, mit Tante Edeltraud und der Nachbarstochter, wie hieß sie noch?“

„Walburga!“, kam es, wie aus der Pistole geschossen. „Ja, wir drei sind immer zum Ententeich gegangen. Viele Kinder waren dort und Onkel Heini saß oft mit seinem Akkordeon da und hat Musik für uns gemacht, damit wir auf dem Eis tanzen konnten. War das eine Freude!“

Pia lachte. „Siehst du, Oma, doch kein unnützes Gedöns!“

Oma überging diese Bemerkung gekonnt, indem sie weitererzählte: „Ich konnte sogar eine Pirouette, wie eine Eisballerina, ja das konnte ich. Lange ist es her, sehr lange!“

„Und der Onkel Heini, was spielte der für Lieder?“, wollte Pia nun wissen. „Konnte der auch das Lied aus der Eiskönigin spielen, weißt du das …“ Pia fing an zu singen. „Ich lass los, ich lass los, die Kraft sie ist grenzenlos …“

„Kenn ich nicht!“, sagte Oma. „Heini spielte alles, was ihm so in den Kopf kam. Er konnte das sehr gut. Erinnern kann ich mich aber nicht an die Lieder. Halt, doch! Eines fällt mir doch ein, es handelte von … ist ja auch egal!“

Pia lachte, Oma auch. „Schrecklich, dass ich so vergesslich geworden bin“, sagte sie, aber sie zog es vor mitzulachen, statt sich weiter darüber zu ärgern.

„Meine Schlittschuhe waren weiß und sie hatten sehr scharfe Kufen, ich konnte damit über das Eis tanzen wie ein Wirbelwind, ja, das konnte ich. Und am Abend konnten wir dann ratzen wie die Murmeltiere. Da brauchte ich noch keine Schlaftabletten!“

Oma war nun in ihrem Element. Sie erzählte und konnte gar nicht wieder aufhören. Pia genoss diese Momente sehr und prompt stellte sie die Frage nach Omas erster Liebe.

„Meinst du die allererste Liebe?“, fragte sie und grinste.

„Ja, die meine ich!“, sagte Pia erwartungsvoll.

„Na gut, wie du willst. Also: ich war noch sehr jung, vielleicht fünf Jahre alt. Meine Mutter erzählte mir abends Märchen und immer wieder ging es in diesen Märchen um hübsche Prinzessinnen und taffe Prinzen, die auf irgendeine Weise das Herz der Prinzessin eroberten. Ich habe diese Märchen sehr geliebt. Da ich ja meist zu Hause war, weißt du, ich bin nie in einen Kindergarten gegangen, war der einzige Mann, der sich in meiner Nähe befand mein Vater. Den hatte ich lieb, so wie wohl jede Tochter ihren Vater liebt. Ich hatte mir allerdings in den Kopf gesetzt, dass ich ihn eines Tages heiraten würde. Davon habe ich niemandem etwas erzählt, denn wenn man verliebt ist, dann macht man zunächst mal ein Geheimnis daraus. Keiner soll etwas davon wissen, ganz allein möchte man dieses Gefühl auskosten. Und dann war da ja auch noch meine Mutter. Sie war mit ihm verheiratet und das war natürlich ein Problem. Er würde mich nie heiraten können, weil er ja schon eine Frau hatte. Was war ich für ein einfältiges Kind!“ Oma lachte über sich selbst. Pia fand das toll, aber sie wollte nun wissen, wie Oma das Problem gelöst hatte. Irgendwann hatte sie sich ja in Opa verliebt und da war ihr Vater dann ja wohl abgeschrieben.

„Als ich merkte, dass das mit meinem Papa nichts werden würde, war ich zuerst ganz traurig. Aber dann kam ich in die Schule und plötzlich hatte ich nur noch Augen für unseren Lehrer. Ach, was war das für ein toller Mann. Das Problem: er hatte auch eine Freundin! Ich war vom Pech verfolgt!“

Pia bohrte nach: „Aber dann hast du Opa gefunden, oder?“

Omas Augen wanderten zu dem Bild, das auf dem Wohnzimmerschrank stand. Es zeigte Opa und sie bei ihrer Hochzeit.

„Ja, so war das wohl und das war ein großes Glück! Wo ist er eigentlich?“

„Hier bin ich!“ Opa hatte die ganze Zeit auf dem Sofa gesessen. Still und leise hatte er sich dort niedergelassen und gelauscht. „Sie hat mich übrigens nicht gefunden, ich habe sie gefunden!“, sagte er und lächelte.

„Also, das war so!“, legte er los. Aber Oma schnitt ihm das Wort ab. „Lass doch die alten Geschichten, das Kind langweilt sich sicher!“

Pia protestierte. „Nein, gar nicht!“ Wäre da nicht Mama gekommen und hätte zum Abendessen gerufen, dann hätte Opa ja weiter erzählt, Aber das ist dann vielleicht auch schon wieder eine ganz neue Geschichte, oder?



© Regina Meier zu Verl




Montag, 14. November 2016

Änderung

Übergangsweise erscheinen in diesem Blog nur noch die Reizwortgeschichten mit meinen Kolleginnen. Doch auch diese Geschichten werde ich irgendwann in mein anderes Bloghaus verlegen. 
Nachdem als erstes Problem meine Geschichten nicht mehr zur gewünschten Zeit erschienen, trat als nächstes Problem auf, dass meine Blogroll verrschwand - von einem Tag zum anderen war sie plötzlich weg und lässt sich auch nicht rekonstruieren. Heute nun kommt Problem 3 dazu: es werden nur noch zwei Beiträge auf der Startseite angezeigt und das lässt sich auch nach einigen Versuchen nicht ändern. Es reicht nun also, ich werde nicht weiter schimpfen, sondern handeln. Für alle, die mehr als die Reizwortgeschichten lesen möchten, verlinke ich meine neue Bloganschrift nun unter jedem Beitrag hier und ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mich auch dort besuchen würdet. Danke für euer Verständnis - momentan ändert sich fast nichts, außer, dass persönliche Beiträge hier nun nicht mehr zu finden sind.

(Kurz noch was in eigener Sache: ich werde Anfang nächsten Jahres an den Augen operiert und bin momentan "lesemäßig" etwas eingeschränkt. Ich besuche eure Blogs regelmäßig, aber längere Texte strengen mich sehr an, so dass ich mir das nur häppchenweise genehmigen kann. Ich bitte um Nachsicht - alles wird gut!)

Hier der Link zu meinem Blog: Klatschmohnrot - von Tag zu Tag (KLICK)
 

Dienstag, 1. November 2016

Reizwortgeschichte am 1.11.2016



Stöckelschuhe - Krähennest - trödeln - basteln - unverschämt
Irene fliegt

Wenn man in früheren Zeiten die Welt von oben betrachten wollte, musste man in einen Flieger steigen, eine Ballonfahrt machen oder einen hohen Berg erklimmen. Heute war das viel einfacher, man schaute ins Internet und konnte die Erde aus verschiedenen Perspektiven betrachten, ganz ohne seine Flugangst zu überwinden oder den Geldbeutel zu belasten. Aber so ganz das Gleiche war das wohl auch nicht.
Irene war nie geflogen. Das hatte sich einfach nicht ergeben, obwohl sie immer eine große Sehnsucht hatte, wenigstens einmal in ihrem Leben die Heimat von oben zu betrachten, am liebsten im Herbst, ihrer Lieblingsjahreszeit. Sie wusste nicht einmal, ob sie Flugangst haben würde. Aber es war müßig, darüber nachzudenken. Jetzt war es ohnehin zu spät. Das dachte Irene jedenfalls und sie fand sich damit ab. Für so vieles war es in Irenes Augen zu spät. Für was? Sie würde nie wieder ihre heiß geliebten Stöckelschuhe tragen, ihre Füße machten das nicht mehr mit. Sie waren müde und geschwollen und schmerzten, wenn sie sie in modische, aber unbequeme Schuhe steckte. Dabei hatte ein schönes Schuhwerk immer zu ihrem tadellosen Auftritt gesorgt, wenn sie ausging. Irene wischte die Gedanken zur Seite. Es war ja auch schön, einfach zu träumen, die Augen zu schließen und sich vorzustellen, dass man mit weiten Schwingen übers Land flog. Ruhig, wie ein Adler, beinahe lautlos, ohne störendes Motorengebrumm. Auf diese Weise fliegen konnte man auch in Socken, ohne schmerzende Füße.
Manchmal, wenn Irene ihren Mittagsschlaf in dem großen alten Ohrensessel ihres Vaters verbrachte, gelang es ihr abzuheben. Zunächst ging es steil in die Höhe. Sie betrachtete das kleine Haus, in dem sie mit ihrer Tochter und deren Familie lebte. War das etwa das Krähennest dort in der alten Eiche? Irene lächelte, als Kind war sie auf den Baum gestiegen und hatte Geheimnisse in dem verlassenen Nest versteckt, den Schlüssel zu ihrem Tagebuch. Oder ein selbst gebasteltes Herz für ihren unverschämt gutaussehenden Schulkameraden, der aber kein Auge für sie gehabt hatte. Wie war noch sein Name gewesen? Irene wusste es nicht mehr. Es war auch nicht mehr wichtig.
Da war das Schaukelgerüst im Garten, das ihr Mann für die Enkelkinder gebaut hatte. Irene lächelte bei dem Gedanken daran, wie oft sie die kleine Merle angeschubst hatte, immer und immer wieder, bis diese vor Vergnügen juchzte und rief: „Höher, Oma, höher!“ Auch Irene wollte nun höher hinaus. Langsam stieg sie weiter auf und flog auf den Wald zu, in dem sie einen großen Teil ihrer Kindheit verbracht hatte. Buden aus Zweigen hatten sie gebaut und mit Moos ausgelegt. Stunde um Stunde hatten sie mit ihren Freunden in diesen Waldhütten verbracht. Niemand hatte ihnen vorgeworfen, ihre Zeit zu vertrödeln. Sie hatte noch richtig spielen dürfen als Kind. Heute hatten die Kinder so viele Termine. Sie hetzten von hier nach da und kamen nie richtig zur Ruhe. Sie erinnerte sich an die Brombeerhecken und beinahe war es ihr, als schmecke sie die Süße der Beeren, die sie in ihrer Blechmilchkanne gesammelt hatte und aus denen die Mutter dann köstliche Marmelade gekocht hatte. Oder Brombeersaft, mmh, wie lecker der gewesen war.
Hinter dem Wald lag der kleine See. Irene ließ sich ein wenig fallen, um alles besser betrachten zu können. Zwei Enten zogen Kreise ins Wasser und Blesshühner kicherten im Gehölz rund um den See. Hier und da stiegen Luftblasen auf von den Fischen, die munter im klaren Wasser umherschwammen.
„Achtung!“, rief Irene, als ein Fischreiher ruhig, mit gesenktem Kopf durch da seichte Wasser am Rand des Sees stakste. Doch es war zu spät, gezielt hatte der Reiher einen kleinen Fisch mit seinem Schnabel gefangen. Er zappelte, aber es gab keine Chance für ihn. „So ist das Leben!“, dachte Irene traurig und stieg wieder auf. Sie ließ den See hinter sich und sah die alte Volksschule, die sie als Kind besucht hatte. Langsam zog sie ihre Kreise über das Gebiet, erkannte den Eingang, den Schulhof und da, stand da nicht ihre alte Lehrerin im Schulgarten? Irene wischten den Gedanken fort. Das konnte nicht sein. Sie selbst war fast achtzig, die Lehrerin müsste weit über hundert Jahre alt sein. Sie war eine derjenigen gewesen, die Irenes Leben sehr geprägt hatte. Von ihr hatte sie wohl die Liebe zum Theater übernommen. Nicht nur um zuzuschauen, sondern um zu spielen. Viele Jahre hatte sie in einer Laienspielgruppe mitgemacht, war immer wieder in andere Rollen geschlüpft und es hatte so viel Spaß gemacht.
Irene drehte eine weitere Runde über das Schulgebäude. Vielleicht könnte sie mal wieder hingehen, dachte sie sich. Aber zuerst wollte sie weiterschauen. Höher ging es hinaus, immer höher. Irene steuerte ihre Geburtsstadt an, schon von weitem sah sie die alte Burg, die sie so oft mit den Eltern besucht hatte, als sie schon längst aufs Land gezogen waren. Stolz erhoben sich auch die beiden Kirchtürme über die Stadt. Irene glaubte den Glockenklang zu hören. Dunkel war es geworden. War sie denn schon so lang unterwegs? Irene begann zu frieren, sie zitterte und wusste nicht, wo sie nun hinfliegen sollte. Sie würde nicht mehr nach Hause finden in der Dunkelheit.
„Mama!“, rief sie, weil sie sich plötzlich verlassen fühlte wie ein Kind. „Mama!“ Sie spürte, wie sich eine Hand auf ihre Schulter legte.
„Oma, du träumst!“ Sie erkannte die Stimme ihrer Urenkelin. Erleichtert nahm sie wahr, dass sie in ihrem Sessel am Fenster saß.
„Ich habe eine Reise gemacht, es war sehr schön, aber dann wurde es dunkel!“, erklärte sie Lina.
„Ich weiß Oma. Warst du wieder am See?“, fragte sie.
„Ja, da war ich, und an meiner alten Schule und an der Burg, wie immer!“ Irene lächelte, als Lina ihr eine Tasse reichte.
„Brombeertee?“, fragte sie und Lina lachte.
„Was sonst!“

© Regina Meier zu Verl 2016

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